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Rollkunstlauf
– Wie alles begann…
Es ist schon immer ein Traum der Menschen gewesen schneller
laufen zu können, als auf Schuhsolen. Da sich diesem Traum,
Anfang des 18. Jahrhunderts, viele Mechaniker verschrieben
hatten, ist der Ursprung des Rollschuhlaufens nicht ganz
geklärt.
Als erster officieller Rollschuhhersteller (ca. 1760) gilt der
Belgier Joseph Merlin. Er war von Beruf Mechaniker und
Instrumentenbauer und leitete das Londoner „Cox`s Museum“. Hier
stellte er in seinem Haus in der Oxford Street seine
einzigartige Erfindung, die Rollschuhe aus.
Es gibt eine Geschichte über ihn, die durch eine Zeitung bekannt
gemacht wurde. Danach soll er mit ein Paar Schuhen, die auf
kleinen Metallrädern liefen und einer Violine in der Hand, sich
auf einem Maskenball unter die Leute gemischt haben. Da er weder
in der Lage war, seine Geschwindigkeit, noch seine Richtung zu
bestimmen, fuhr er gegen einen Spiegel, der mehr als 500 Pfund
wert war, zerschmetterte ihn, zerbrach dabei sein Instrument und
wurde ernsthaft verletzt.
Erwähnt wird der Rollschuh das erste Mal im Gotharschen
Hofkalender, wobei die französische Bezeichnung „patin-à-terre“
mit „Erdschlittschuhe“ übersetzt wurde.
Es gab in den folgenden Jahren mehrere Erfinder, die eine
Patenterteilung für Rollschuhe erhielten. So wurde z.B. der
Rollschuh von Robert Johns, den er „Volito“ nannte, im
britischen Parlament als ein Apperat beschrieben, den man zum
Reisen oder zum Spaß, an Stiefeln, Schuhen oder anderen
Fußbekleidungen befestigen kann. Dieser „Volito“ bestand aus
fünf gerade aneinander gereihten Rädern. Er ähnelte den heutigen
Rollerblates. Die Öffentlichkeit war begeistert.
Doch richtig bekannt wurde das Rollschuhlaufen erst durch die
Deutschen.
1840 wurde in der Nähe von Berlin eine Bierkneipe namens „Corsé
Halle“ eröffnet. Hier bedienten junge, hübsche Mädchen auf
Rollschuhen durstige Gäste. Diese Neuheit zog viel
Aufmerksamkeit auf sich.
Auch die Theater gaben Impulse, die zur Entwicklung des
Rollschuhlaufens beitrugen. Der Komponist Giacomo Meyerbeer
hatte in seiner Oper eine Eislaufszene eingebaut. Dafür wurden
eigentlich Schlittschuhe benötigt. Doch da man auf der Bühne
kein Eis produzieren konnte, wurden Rollschuhe verwandt. Auch
der Choreograph und Komponist Filippo Togliani ließ in seinem
Ballett „Wintervergnügen“ ein Rollschuhballett aufführen.
1857 wurden in der „Floral Hall“ und in „The Strand“ in London
die ersten öffentlichen Rollschuhbahnen eröffnet. Es gab jetzt
auch schon andere Schuhtypen, mit Reihen von Gummi- oder
Metallrädern an den Seiten der Schuhe.
Doch der Durchbruch für das Rollschuhlaufen kam, als der New
Yorker James Leonard Plimton sich 1863 den ersten beweglichen
Rollschuh (Rollen an Federn) patentieren ließ. Sein Schuh hatte
erstmals zwei parallele Reihen von Rollen aus Buchsbaumholz. Ein
paar Rollen befanden sich auf der Höhe des Fußballens, das
zweite Paar unter der Ferse. Er nannte ihn „Rocking Skate“.
Dieser Schuh war so weit entwickelt, wie keiner zuvor. Man
konnte mit ihm sanfte Kurven fahren und war so allen anderen
überlegen. Plimpton war es auch, der 1866 in New Port (Rhode
Island) den ersten öffentlichen Rollschuhrink schuf. Danach
entstanden solche Anlagen in Paris und London.
1876 wurde in Berlin in der Hasenheide durch eine englische
Gesellschaft die erste deutsche Rollschuhbahn gebaut. Weitere
folgten im Zoologischen Garten, am Anhalter Bahnhof und in
Charlottenburg.
1880 gab es in Paris 40, in London sogar 70 Rollschuhbahnen.
Die größte Rollsporthalle, die jemals betrieben wurde, war die
Londoner
Grand Hall Olympia, sie hatte die Größe eines Fußballplatzes.
Ein entscheidender Meilenstein für die Entwicklung des
Rollschuhs war die Verwendung des Kugellagerpatents im Rollschuh
1884 in den USA, 1895 in Deutschland.
Die Rollschuhbahn wurde ab 1880 ein gesellschaftlich wichtiger
Platz, wo man Menschen traf und selbst gesehen wurde. - Eine
echte Freizeitsportstätte -. Rollschuhlaufen war vor der
Jahrhundertwende weniger ein Sport, sondern mehr ein
gesellschaftliches Vergnügen. Durch die in Massen produzierten
Rollschuhe, wurde der Preis für Rollschuhe auch für den
Durchschnittsbürger erschwinglich.
Doch besonders gern betrieb dieses gesellschaftliche Ereignis
die aristokratische und diplomatische Welt. So hatte sich in
Berlin bereits 1876 ein exklusiver Club gebildet. Vorsitzender
war ein Herzog von Ratibor. Der Jahresbeitrag betrug
30 Goldmark, für damalige Verhältnisse viel Geld. Mitglieder
waren unter anderem Herzog Wilhelm, Prinz Hohenzollern, Prinz
Hatzfeld und die Botschafter aus England, Frankreich,
Österreich, sowie die Gesandten aus Portugal, Schweden,
Dänemark, USA usw. In dieser Zeit war das Rollschuhlaufen
überall sehr beliebt. Die Königen von Italien veranstaltete z.B.
ein Rollsportfest. Große Städte wie Antwerpen, Brüssel, Nizza
usw. ließen Rollschuhbahnen bauen. Alle Rollsportveranstaltungen
waren ausverkauft.
Die Begeisterung für den Rollsport fand keine Grenzen. Es gab
einen mit
108 Stunden aufgestellten Dauerlaufrekord, ein Ballspiel auf
Rollen genannt
„Rink-Polo“, Rollschuhfahren im Duo, wobei sich wie beim
Radsport zwei Fahrer ablösten. Man glaube es nicht, in den
Anfängen gab es sogar Wettbewerbe im Weitspringen, größte Weite
6,84 m und im Hochsprung 110 cm. In dieser Zeit des Siegeszuges,
wandelte sich der Rollschuhlauf vom Vergnügen zum Sport. Es
entstanden in allen Städten Rollschuhclubs und Wettkämpfe wurden
veranstaltet.
Am 17.Juli 1910 wurde in Leipzig „Der Bund Deutscher
Rollschuhvereine“ gegründet und schrieb unter seinem Berliner
Vorsitzenden Otto Lüders die erste Kunstlauf-Meisterschaft von
Deutschland aus. Sie fand in Stuttgard statt. Schon damals gab
es Pflichtfiguren wie Bogenachter, Dreier, Wenden, Gegenwenden,
Achter auf einem Füß oder Dreier-Schlangenbogen-Dreier. Außer
Kunst-, Paar- und Schnelllaufwettbewerben, erlebten die
Zuschauer sogar ein Rollhockeyspiel.
Adolf Walker der 1919 Deutscher Meister wurde war es auch, der
zusammen mit Willi Pfister 1929 die Präzisonslager im
Rollkunstlauf einführte und so die ersten Schlingenfiguren lief.
In den 30 Jahren wurde in der Reichsakademie Berlin die zentrale
Ausbildungsstätte für Trainer und Übungsleiter im Rollsport
eröffnet.
In Montreuse entstand am 22.April 1924 der erste Internationale
Rollsportverband, der ab 1947 „Federation Internationale de
Roller Skating“ (FIRS) hieß. Im gleichen Jahr, wurde der
Deutsche Rollsportbund (DRB) gegründet, er wurde 1949 Mitglied
des FIRS. So konnte Deutschland auch an internationalen
Wettkämpfen teilnehmen.
Seit 1937 werden
Europameisterschaften im Rollkunstlauf ausgetragen.
Erste Europameister im Einzellauf waren 1937 und 1938 die
Deutschen Lydia Wahl und Fritz Händel. Auch im Paarlaufen gewann
Deutschland. Die erste Weltmeisterschaft fand mit sieben
Europäischen Nationen,
1936, in Stuttgart statt.
1947 veranstalteten die USA die erste
Weltmeisterschaft im Rollkunstlauf allerdings noch ohne
Deutschland. Erst 1951
nahmen Deutsche Rollsportler an Weltmeister-schaften wieder
teil.
Von 1950 – 1970 war Deutschland, bei Weltmeisterschaften,
dominierend unter allen teilehmenden Nationen. Oft gingen alle
Titel oder alle 3 Medallien eines Wettbewerbes an die Deutschen
Rollsportler. Überragender Kunstläufer aller Zeiten war damals
Karl Heinz Losch aus Heilbronn. Er holte sich sieben Welttitel.
Leider konnte Deutschland in den folgenden Jahren solche Erfolge
immer weniger erleben. Nur noch vereinzelt wurden
Weltmeistertitel
errungen, hauptsächlich im Rolltanzen.
Heute dominieren im Rollkunstlaufen die Südeuropäer allen voran
Italien.
Bis heute ist es der Sportart Rollkunstlauf nicht gelungen in
die „olympische Familie“
aufgenommen zu werden.
Ein Ersatz dafür sind die „World Games“, die als Spiele für
nicht olympische Sportarten
1981 in Leben gerufen
wurden und bei denen der Rollsport vertreten ist.
Es ist erstaunlich wie sich „Erdschlittschuhe“ von den
abenteuerlichen Bemühungen Merlins, über Rollen an Federn und
Kugellagerrollen, zu einem gesellschaftlichen Vergnügen und
weiter zu einer anerkannten erfolgreichen Sportart entwickelt
haben.
Rollkunstlaufen wird bundesweit in vielen Vereinen angeboten,
die in entsprechenden Landesverbänden und weiter im DRIV
organisiert sind. So wird dem Rollkunstläufer die Möglichkeit
gegeben diese Sportart als Breitensport oder aber auch als
Leistungssport zu betreiben.
Quellen:
Geschichte des Rollkunstlaufen von Rolf Noess
Rollkunstlauf im Wandel der Zeit von Michael Huhndorf und Maik
Purrmann
Die Rollgeschichte in Zahlen
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